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Ratsam wäre es gewesen,

diesen Saal NICHT

zu betreten.

11 NOV 17 – 10 FEB 18

Koeppenhaus

Greifswald

 

 

SPECTRUM 3

COLLAGE & MONTAGE

24 NOV – 21 DEC 17

Galerie Eigenheim

Berlin

 

 

 

 

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2015 / 2016 / 2017

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Noble Surface

 

Als der Philosoph und Physiker Heinz von Foerster in einem Interview über das Konstruieren von Wirklichkeit gefragt wurde, wie er mit der „Realität“ umgehen würde, antwortete er: „Wo ist die Realität? Wo haben Sie die?“

 

Gleichermaßen fragen Amelie Grözinger und Alex Lebus, zwei in Berlin lebende Künstlerinnen, in ihrer Ausstellung Noble Surface nach „Realität“, die als solche singulär nicht definierbar ist und sich eher in Möglichkeitskalkülen von verschiedenen Realitäten manifestiert.

 

Der Titel der Ausstellung Noble Surface beinhaltet eine Ambivalenz. Er lässt einen hohen Grad an industrieller Beschaffenheit, Effizienz, Glanz, Schein und Perfektion vermuten. Diese Vermutung wird zuerst bestätigt: Minimalistisch, kühl und klar strukturieren Lebus' Spiegelarbeiten und Grözingers Faltarbeiten aus Silberpapier den Raum. Doch es täuscht. Die Blicke der Künstlerinnen sind für das Unstimmige und für die Dekonstruktion von Gewohntem geschärft.

 

Die einzelnen Objekte lassen konkrete Rückschlüsse aufeinander und auf den Raum zu. Sie sind unvollendet und offen in dem Maße, dass sie miteinander und mit reflektierenden Subjekten in Wechselbeziehungen treten.

 

Alex Lebus platziert in zwei Ecken des Raumes sich gegenüberstehende Spiegel. Der eine beträgt eine beachtliche Länge von 3,20 m, der andere, kleiner in seiner Abmessung, ist ihm zugewandt. Zwei weitere Spiegel lehnen an den Längsseiten des hinteren, kleineren Raumes und stehen sich gegenüber. Die industriell gefertigten Rückseiten der Spiegel sind abgekratzt. Diese bearbeitet Alex Lebus mit Säure, um Wörter und Schriftzüge hervortreten zu lassen. Die Schrift erscheint vorerst als geschlossene Narration, die erst durch die Spiegelung auf der Oberfläche des gegenüberliegenden Spiegels les- und lösbar wird.

 

Spiegel, so würde man vermuten, dienen der Wahrnehmung des eigenen Spiegelbildes, der Observierung anderer Subjekte im Raum sowie als Zeugen. Einen sezierenden und bestätigenden Blick durch den Spiegel erlaubt Lebus jedoch nicht. Es sind Unsicherheit und Entlarvung der eigenen Wahrnehmung, die einzig und allein zurückgespiegelt werden. Die Spiegel, die in Ecken stehen, miteinander kommunizieren und reflektieren, säumen eine Zeitkapsel – eine dualistische Konstruktion aus Wahrheit und Scheinwahrheit, aus unendlichen Ebenen und autarken Selbstspiegelungen, die den Raum und die Wahrnehmungserfahrung durchziehen.

 

Dem Werk Lebus' stehen die Arbeiten Amelie Grözinger gegenüber. Gleichermaßen negiert Grözinger eine eindimensionale Oberfläche. Auf den ersten Blick folgen ihre Arbeiten einer klaren Struktur und Gesetzmäßigkeit: Aus Papier gefaltete Sechsecke spannen sich zusammengetackert als ein ständig wachsendes Netz über die Oberfläche. Für den Moment ist der Faltprozess angehalten, könnte jedoch jederzeit erneut aufgenommen werden und das Netz aus geometrischen Formen bis ins Unendliche erweitern. Wenn man dem mathematischen Prinzip Benoit Mandelbrots folgt, kann man in Grözingers geometrische Konstruktion hineinzoomen und stößt so immer wieder auf die gleiche Grundstruktur des Sechsecks. Es sieht aus, als ob es aus vielen kleinen Kopien seiner selbst bestehe.

 

Mandelbrot konnte durch die Fraktalmathematik die Komplexität der Rauigkeit und des natürlichen Chaos’ untersuchen. Er konnte Ordnung in musterartigen Strukturen herstellen, die faltig, gebrochen, verzweigt und unendlich komplex zu sein schienen. Chaos und Ordnung als binäre Entitäten schließen sich nicht mehr aus. Der Systematik eines Algorithmus' folgend, spaltet Grözinger die Oberfläche, das große Ganze, in hunderte kleine Dinge auf oder findet eben diese unzähligen kleine Dinge und näht sie zu einem komplexen Netz wieder zusammen. Anders als programmierte Algorithmen lässt Grözinger Chaos, Fehler und Zufall, das Affirmative und das Sinnliche in einem gewissen Maße zu.

Die Ausstellung ist ein Spiegel unserer selbst. Im Austausch miteinander geben die beiden Künstlerinnen eine gegenwärtige Bestandsaufnahme: Wir schreiben Algorithmen, die wir nicht mehr lesen können. Wir schaffen jeden Tag etwas, das unlesbar ist. Wir verlassen uns auf unsere Wahrnehmung und gewohnte Narrationen. Wir klicken uns durch (virtuelle) Realitäten, Scheinwahrheiten und Oberflächen, verlieren uns in Chaos und Komplexität. Wann fangen wir an Kontrolle zu verlieren? Wo ist die Realität?

 

Marie Gerbaulet

 

 

 

NOBLE SURFACE

 

2017

Circle1 Gallery, Berlin

Mit Amelie Grözinger

 

Ausstellungsansicht

 

NOBLE SURFACE

Installation view

 

 

ER (stage manager): “”

 

2017

Zwei Spiegel, Lack, Aluminium

144,4 x 90,5 cm

 

HE (stage manager): “”

2 mirrors, varnish, aluminium

 

 

GRADWANDERER III

 

2017

Spiegel, Stahlblech

Spiegel 1: 74,5 × 33,2 cm

Spiegel 2: 158 × 33,5 cm

 

Wanderer III

mirror, steel

 

 

 

GRADWANDERER II

Spiegel, Stahlblech

Spiegel 1: 74,5 × 33,2 cm

Spiegel 2: 155,2 × 39 cm

 

Wanderer II

mirror, steel

 

ODE

 

2017

Spiegel, Lack, Aluminium

190,3 x 20 cm

 

ODE

mirror, varnish, aluminium

 

 

 

 

NOBLE SURFACE

 

2017

Circle1 Gallery, Berlin

Mit Amelie Grözinger

 

Ausstellungsansicht

 

NOBLE SURFACE

Installation view

POEM

 

2017

Spiegel, Lack, Aluminium

304,5 x 68 (42,3) cm

 

POEM

mirror, varnish, aluminium

 

POEM

 

Detail

 

NOBLE SURFACE

 

2017

Circle1 Gallery, Berlin

Mit Amelie Grözinger

 

Ausstellungsansicht

 

NOBLE SURFACE

Installation view

SIE (Emily): “”

 

2017

Zwei Spiegel, Lack, Aluminium

140 x 62,3 cm

 

She (Emily): “”

Two mirrors, varhish, aluminium